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#12 Einfühlungsvermögen (Empathy)

Du spürst, was andere bewegt.

Du hörst auch, wenn ein "Alles gut" nicht stimmt

Einfühlungsvermögen (Empathy), Domäne: Beziehungsaufbau (Relationship Building)
Du kommst morgens ins Büro und begegnest deiner Kollegin auf dem Flur. „Guten Morgen! Alles gut bei dir?“ „Ja, klar“, antwortet sie und lächelt. Eigentlich eine ganz normale Begegnung. Trotzdem hast du das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Vielleicht war es ihre Stimme. Vielleicht ihr Gesichtsausdruck. Oder die Art, wie sie deiner Frage ausgewichen ist.

Du weißt nicht genau, was los ist. Aber du merkst, dass sie heute anders wirkt als sonst. Später setzt du dich kurz zu ihr. „Du, ich hatte heute Morgen den Eindruck, dass dich etwas beschäftigt. Magst du darüber sprechen?“ Deine Kollegin schaut dich überrascht an. „Merkt man mir das so an?“ Nicht unbedingt. Aber dir ist es aufgefallen.

Wenn Einfühlungsvermögen (Empathy) zu deinen stärksten Gallup-Talenten gehört, erkennst du dich in solchen Situationen vielleicht wieder. Menschen mit diesem Talent nehmen die Gefühle anderer häufig besonders aufmerksam wahr. Sie können sich in emotionale Situationen hineinversetzen und bekommen manchmal ein Gespür dafür, wie es jemandem geht, bevor die Person selbst darüber spricht.

Dabei bedeutet Einfühlungsvermögen nicht, dass du immer genau weißt, was andere fühlen. Und schon gar nicht, dass du Gedanken lesen kannst.

Deine Wahrnehmung ist zunächst ein Hinweis, keine Gewissheit. Aber sie kann dir helfen, Menschen besser zu verstehen und Gespräche besonders aufmerksam zu führen.


Das zeichnet dich aus

Vielleicht gehörst du zu den Menschen, denen kleine Veränderungen im Verhalten anderer schnell auffallen. Eine Kollegin ist ungewöhnlich still. Ein Mitarbeiter wirkt plötzlich angespannt. Oder jemand erzählt begeistert von einem Erfolg, und du freust dich beinahe genauso sehr wie die Person selbst.

Du nimmst emotionale Stimmungen häufig intensiv wahr. Vielleicht fällt es dir leicht, dich in die Situation eines anderen Menschen hineinzuversetzen. Du kannst nachvollziehen, warum jemand enttäuscht, nervös oder glücklich ist, auch wenn du selbst in derselben Situation anders reagieren würdest. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Verstehen bedeutet nicht, einverstanden zu sein. Du kannst nachvollziehen, warum jemand wütend ist, ohne sein Verhalten gutzuheißen. Du kannst verstehen, warum eine Kollegin Angst vor einer Veränderung hat, obwohl du die Veränderung selbst sinnvoll findest. Und du kannst wahrnehmen, dass ein Mitarbeiter enttäuscht ist, obwohl du seine Forderung nicht erfüllen kannst.

Menschen mit Einfühlungsvermögen können häufig besonders gut zwischen der eigenen Sichtweise und den Gefühlen anderer unterscheiden. Zumindest dann, wenn sie dieses Talent bewusst einsetzen.

Denn manchmal kann die emotionale Wahrnehmung auch so intensiv werden, dass die eigenen Gefühle und die Gefühle anderer ineinander übergehen. Aber dazu kommen wir gleich noch.


Die Superkraft

Du erkennst emotionale Signale und kannst Menschen helfen, sich verstanden und ernst genommen zu fühlen. Stell dir vor, ein Unternehmen kündigt eine größere Umstrukturierung an. Die Geschäftsführung erklärt ausführlich, warum die Veränderung notwendig ist. Die wirtschaftlichen Argumente sind nachvollziehbar. Der Zeitplan steht. Und die neuen Zuständigkeiten wurden bereits festgelegt. Eigentlich müsste jetzt alles klar sein. Trotzdem ist die Stimmung im Team angespannt.

Eine Führungskraft mit ausgeprägtem Einfühlungsvermögen bemerkt, dass einige Mitarbeitende verunsichert wirken. Sie erkennt, dass es nicht nur um neue Prozesse geht. Vielleicht machen sich Menschen Sorgen um ihre Aufgaben. Vielleicht fragen sie sich, ob ihre bisherige Erfahrung künftig noch gebraucht wird. Oder sie befürchten, wichtige Kollegen zu verlieren.

Die Führungskraft nimmt sich deshalb Zeit für Gespräche. Sie hört zu, fragt nach und versucht zu verstehen, was die Mitarbeitenden beschäftigt. Dabei kann sie nicht alle Sorgen ausräumen. Und sie kann die Veränderung möglicherweise auch nicht rückgängig machen. Aber sie kann dafür sorgen, dass die emotionalen Auswirkungen nicht einfach übergangen werden.

Genau darin liegt eine besondere Stärke des Einfühlungsvermögens. Menschen mit diesem Talent können helfen, die menschliche Seite einer Situation sichtbar zu machen. Gerade dann, wenn sich alle anderen vor allem mit Zahlen, Aufgaben und Entscheidungen beschäftigen.


Typische Stärken

Menschen mit ausgeprägtem Einfühlungsvermögen können häufig besonders gut:

  • Emotionale Signale anderer Menschen wahrnehmen
  • Sich in unterschiedliche Gefühlslagen hineinversetzen
  • Auch unausgesprochene Spannungen bemerken
  • Einfühlsam auf schwierige Situationen reagieren
  • Vertrauen durch aufmerksames Zuhören fördern
  • Gespräche sensibel gestalten
  • Die emotionalen Auswirkungen von Entscheidungen berücksichtigen
  • Menschen in belastenden Situationen begleiten
  • Eine Atmosphäre schaffen, in der Gefühle angesprochen werden dürfen

Besonders wertvoll kann dieses Talent in Berufen sein, in denen Menschen eng zusammenarbeiten oder schwierige Situationen bewältigen müssen. Zum Beispiel in der Führung, im Coaching, in der Beratung, im Gesundheitswesen oder im Kundenkontakt.

Aber auch in ganz normalen Teams kann Einfühlungsvermögen einen großen Unterschied machen. Denn manchmal braucht ein Mensch gar keinen besonders klugen Ratschlag. Sondern zunächst jemanden, der bemerkt, dass ihn etwas beschäftigt.


Mögliche Schattenseiten

Stell dir vor, du kommst nach einem langen Arbeitstag nach Hause. Eigentlich war dein eigener Tag ganz in Ordnung. Aber du hast mit einer Kollegin gesprochen, die große Sorgen hat. Ein Mitarbeiter war enttäuscht. Und in einer Besprechung gab es eine angespannte Diskussion. Jetzt sitzt du auf dem Sofa und merkst, dass dich diese Situationen immer noch beschäftigen. Du denkst darüber nach, wie es den anderen geht. Ob du genug geholfen hast. Und ob du vielleicht noch etwas tun könntest. Vielleicht kennst du dieses Gefühl.

Menschen mit ausgeprägtem Einfühlungsvermögen können manchmal Schwierigkeiten damit haben, emotionale Eindrücke wieder loszulassen. Sie nehmen Gefühle anderer intensiv wahr. Und möglicherweise beschäftigen sie sich noch lange damit, obwohl die eigentliche Situation längst vorbei ist.

Eine weitere Herausforderung kann darin liegen, unangenehme Gespräche zu vermeiden. Vielleicht möchtest du einer Kollegin kritisches Feedback geben. Du weißt, dass das Gespräch notwendig ist. Aber du ahnst bereits, wie enttäuscht sie reagieren könnte. Und genau deshalb schiebst du es immer wieder auf.

Die mögliche Schattenseite liegt darin, die Gefühle anderer so stark zu berücksichtigen, dass die eigenen Bedürfnisse oder notwendige Entscheidungen in den Hintergrund geraten.

Dabei ist Einfühlungsvermögen nicht dasselbe wie Nachgiebigkeit. Du darfst verstehen, dass jemand enttäuscht ist. Und trotzdem bei deiner Entscheidung bleiben. Du darfst wahrnehmen, dass jemand traurig ist, ohne dich dafür verantwortlich zu fühlen, diese Traurigkeit sofort zu beseitigen.

Und du darfst mitfühlend sein, ohne jedes Gefühl anderer Menschen selbst tragen zu müssen.


Führung mit diesem Talent

Als Führungskraft mit Einfühlungsvermögen kannst du besonders gut darin sein, die Stimmung und die emotionalen Bedürfnisse deines Teams wahrzunehmen. Vielleicht bemerkst du frühzeitig, wenn jemand überlastet wirkt. Oder wenn eine Entscheidung Unsicherheit auslöst.

Du kannst Gespräche sensibel führen und Menschen helfen, sich verstanden zu fühlen. Das ist gerade in schwierigen Führungssituationen wertvoll.

Stell dir vor, du musst einer Mitarbeiterin mitteilen, dass sie die gewünschte Beförderung nicht bekommt. Du weißt, wie viel ihr diese Möglichkeit bedeutet. Und du kannst dir gut vorstellen, wie enttäuscht sie sein wird.

Vielleicht fällt dir dieses Gespräch deshalb besonders schwer. Aber gute Führung bedeutet nicht, unangenehme Gefühle grundsätzlich zu vermeiden. Sondern auch schwierige Entscheidungen respektvoll und klar zu kommunizieren. Du kannst beispielsweise sagen: „Ich weiß, wie wichtig dir diese Entwicklungsmöglichkeit war. Ich kann gut verstehen, dass dich die Entscheidung enttäuscht.“ Und anschließend erklären, warum die Entscheidung so getroffen wurde.

Beides gehört zusammen. Einfühlungsvermögen und Klarheit. Denn Mitarbeitende brauchen nicht nur Verständnis. Sie brauchen auch Orientierung und nachvollziehbare Entscheidungen.

Eine besondere Führungsstärke kann deshalb darin bestehen, die Gefühle anderer ernst zu nehmen, ohne die eigene Führungsverantwortung aus dem Blick zu verlieren.


Mitarbeitende mit diesem Talent führen

Wenn du eine Mitarbeiterin mit ausgeprägtem Einfühlungsvermögen hast, kann sie eine wichtige Bereicherung für dein Team sein. Vielleicht bemerkt sie frühzeitig, wenn sich Spannungen entwickeln. Oder sie erkennt, dass ein Kollege Unterstützung benötigt, obwohl er selbst nicht darum bittet.

Möglicherweise ist sie auch besonders gut darin, schwierige Kundengespräche einfühlsam zu führen. Das kann sehr wertvoll sein.

Allerdings solltest du darauf achten, sie nicht automatisch zur emotionalen Ansprechpartnerin für alle anderen zu machen. Vielleicht kommt ständig jemand zu ihr, um über Probleme zu sprechen. Weil sie so gut zuhören kann. Und weil sie häufig Verständnis zeigt.

Doch auch ihre Zeit und Aufmerksamkeit sind begrenzt. Es wäre unfair, wenn sie neben ihren eigentlichen Aufgaben dauerhaft die emotionale Betreuung des gesamten Teams übernehmen müsste. Deshalb lohnt es sich, regelmäßig nachzufragen, wie sie selbst ihre Arbeitssituation erlebt. Und ihr deutlich zu machen, dass sie nicht für die Gefühle aller Kollegen verantwortlich ist.

Denn auch Menschen mit Einfühlungsvermögen brauchen Unterstützung und klare Grenzen.


Zusammenarbeit im Team

Stell dir vor, ein Team arbeitet unter großem Zeitdruck an einem wichtigen Projekt. Die Aufgaben sind anspruchsvoll. Mehrere Termine müssen eingehalten werden. Und die Stimmung wird zunehmend angespannter.

In einer Besprechung reagiert ein Mitarbeiter plötzlich ungewöhnlich gereizt. Ein Kollege sagt: „Jetzt stell dich doch nicht so an. Wir haben alle viel zu tun.“

Die Situation droht zu eskalieren. Eine Mitarbeiterin mit ausgeprägtem Einfühlungsvermögen bemerkt, dass hinter der Reaktion möglicherweise mehr steckt als schlechte Laune. Sie fragt nach. Vielleicht stellt sich heraus, dass der Mitarbeiter seit Wochen mehrere Aufgaben gleichzeitig betreut und sich zunehmend überfordert fühlt. Vielleicht gibt es aber auch einen ganz anderen Grund.

Wichtig ist zunächst, dass jemand die Möglichkeit eröffnet, darüber zu sprechen. Das kann helfen, Missverständnisse zu vermeiden. Denn nicht jedes schwierige Verhalten entsteht aus mangelnder Motivation oder fehlender Professionalität.

Manchmal spielen Belastung, Unsicherheit oder Enttäuschung eine Rolle. Allerdings sollte Einfühlungsvermögen nicht dazu führen, dass problematisches Verhalten grundsätzlich entschuldigt wird. Auch ein überlasteter Mitarbeiter muss respektvoll mit seinen Kollegen umgehen.

Die Herausforderung besteht darin, Gefühle zu verstehen und gleichzeitig klare Regeln für die Zusammenarbeit einzuhalten.


Kommunikation

Menschen mit Einfühlungsvermögen achten häufig nicht nur darauf, was jemand sagt. Sondern auch darauf, wie es gesagt wird. Vielleicht bemerkst du, wenn die Stimme deines Gegenübers plötzlich leiser wird. Oder wenn jemand bei einem bestimmten Thema zögert.

Vielleicht spürst du, dass eine Aussage emotional bedeutsamer ist, als sie zunächst klingt. Das kann Gespräche besonders wertvoll machen. Allerdings gibt es eine wichtige Grenze. Du kannst Gefühle wahrnehmen oder vermuten. Aber du weißt nicht automatisch, was dein Gegenüber tatsächlich empfindet.

Deshalb lohnt es sich, deine Wahrnehmung als Frage zu formulieren. Statt: „Du bist doch enttäuscht.“ könntest du sagen: „Ich habe den Eindruck, dass dich die Entscheidung beschäftigt. Stimmt das?“ Oder: „Du wirkst heute etwas nachdenklich. Möchtest du darüber sprechen?“

Damit gibst du deinem Gegenüber die Möglichkeit, deine Wahrnehmung zu bestätigen oder zu korrigieren. Vielleicht ist die Person tatsächlich enttäuscht. Vielleicht ist sie aber einfach müde. Oder mit etwas ganz anderem beschäftigt.

Gute empathische Kommunikation bedeutet deshalb nicht, Gefühle möglichst treffsicher zu benennen, sondern aufmerksam wahrzunehmen, offen nachzufragen und die Antwort ernst zu nehmen.


Typische Missverständnisse

„Du bist viel zu emotional.“

Menschen mit Einfühlungsvermögen nehmen Gefühle anderer häufig besonders aufmerksam wahr. Das bedeutet nicht automatisch, dass sie selbst emotional instabil sind oder keine sachlichen Entscheidungen treffen können


„Du möchtest es immer allen recht machen.“

Einfühlungsvermögen bedeutet nicht, dass jemand grundsätzlich nachgiebig ist. Du kannst die Gefühle anderer verstehen und trotzdem eine klare Haltung vertreten.


„Du weißt immer, wie es anderen geht.“

Auch Menschen mit ausgeprägtem Einfühlungsvermögen können sich irren. Emotionale Wahrnehmungen sind Hinweise, keine Gewissheiten.


„Du bist automatisch ein guter Zuhörer.“

Einfühlungsvermögen kann beim Zuhören helfen. Aber aktives Zuhören ist auch eine Fähigkeit, die bewusst entwickelt und geübt werden muss.


„Du kannst keine schwierigen Entscheidungen treffen.“

Menschen mit Einfühlungsvermögen können sehr wohl konsequent handeln. Vielleicht berücksichtigen sie lediglich besonders aufmerksam, welche emotionalen Auswirkungen eine Entscheidung haben könnte.


Stressauslöser

Menschen mit ausgeprägtem Einfühlungsvermögen können besonders unter Druck geraten, wenn sie dauerhaft mit starken emotionalen Belastungen konfrontiert sind.

Mögliche Stressauslöser sind:

  • Anhaltende Konflikte im Team
  • Ein Arbeitsumfeld mit wenig gegenseitiger Rücksichtnahme
  • Entscheidungen, bei denen menschliche Auswirkungen ignoriert werden
  • Schwierige Gespräche ohne ausreichende Vorbereitung
  • Ständige emotionale Belastungen anderer Menschen
  • Das Gefühl, für die Stimmung im Team verantwortlich zu sein
  • Fehlende Möglichkeiten, eigene Grenzen zu setzen
  • Situationen, in denen Gefühle grundsätzlich als unwichtig betrachtet werden

Besonders anstrengend kann es werden, wenn jemand ständig versucht, die emotionale Situation anderer Menschen zu verbessern.

Denn nicht jedes unangenehme Gefühl muss sofort verschwinden. Manchmal gehört Enttäuschung zu einer schwierigen Entscheidung. Manchmal braucht jemand Zeit, um eine Veränderung zu verarbeiten.

Und manchmal ist die beste Unterstützung, einfach da zu sein. Ohne sofort etwas verändern zu müssen.


So führst du jemanden mit diesem Talent

Wenn du jemanden mit Einfühlungsvermögen führst, solltest du seine Fähigkeit zur emotionalen Wahrnehmung wertschätzen. Vielleicht kann die Person besonders gut einschätzen, wie bestimmte Veränderungen im Team aufgenommen werden. Oder sie bringt wichtige Perspektiven in schwierige Kundensituationen ein.

Nutze diese Stärke bewusst. Aber mache deinen Mitarbeiter nicht automatisch für die Stimmung aller anderen verantwortlich.

Achte darauf, dass emotionale Unterstützungsarbeit fair verteilt wird und nicht dauerhaft bei derselben Person landet.

Wenn schwierige Gespräche oder belastende Situationen anstehen, kann es hilfreich sein, ausreichend Zeit für die Vorbereitung einzuplanen.

Und nach besonders anspruchsvollen Situationen die Möglichkeit zu geben, sich auszutauschen. Gleichzeitig solltest du deinen Mitarbeiter darin unterstützen, klare Grenzen zu setzen. Denn Einfühlungsvermögen ist besonders wertvoll, wenn Menschen die Gefühle anderer wahrnehmen können, ohne ihre eigenen Bedürfnisse dauerhaft zurückzustellen.


Reflexionsübung

Übung: Verstehen, ohne alles zu übernehmen

Denke an eine Situation aus den vergangenen Tagen, in der dich die Gefühle eines anderen Menschen besonders beschäftigt haben. Vielleicht war ein Kollege enttäuscht. Eine Kundin war verärgert. Oder jemand aus deinem Team wirkte sehr belastet.

Nimm dir ein paar Minuten Zeit und überlege:

Was habe ich tatsächlich wahrgenommen?

Vielleicht einen Gesichtsausdruck, eine bestimmte Aussage oder eine Veränderung im Verhalten.

Was habe ich daraus geschlossen?

Welche Gefühle habe ich bei der anderen Person vermutet?

Habe ich nachgefragt, ob meine Wahrnehmung stimmt?

Oder bin ich davon ausgegangen, dass ich die Situation richtig verstanden habe?

Wofür war ich in dieser Situation verantwortlich?

Vielleicht für ein respektvolles Gespräch oder eine sachliche Entscheidung.

Was durfte bei der anderen Person bleiben?

Vielleicht ihre Enttäuschung, ihre Meinung oder ihre persönliche Reaktion.

Diese Übung kann dir helfen, bewusster zwischen Wahrnehmung, Interpretation und Verantwortung zu unterscheiden. Denn du darfst mitfühlend sein. Aber du musst nicht jedes Gefühl eines anderen Menschen zu deinem eigenen machen.


Praxisbeispiel

Stell dir vor, eine erfahrene Führungskraft übernimmt ein Team, das in den vergangenen Monaten mehrere Veränderungen erlebt hat. Neue Aufgaben wurden verteilt. Einige Kollegen haben das Unternehmen verlassen. Und die verbliebenen Mitarbeitenden müssen sich erst an die neue Situation gewöhnen.

Auf den ersten Blick funktioniert die Zusammenarbeit. Die Aufgaben werden erledigt. Die Termine werden eingehalten. Trotzdem bemerkt die Führungskraft mit ausgeprägtem Einfühlungsvermögen, dass die Stimmung angespannt ist. In Besprechungen sprechen einige Mitarbeitende kaum noch. Andere reagieren ungewöhnlich gereizt.

Die Führungskraft entscheidet sich, Einzelgespräche zu führen. Dabei möchte sie zunächst verstehen, wie die Mitarbeitenden die Veränderungen erleben. In den Gesprächen wird deutlich, dass einige Kollegen sich Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen. Andere fühlen sich durch die zusätzlichen Aufgaben überlastet. Und manche vermissen die frühere Zusammenarbeit.

Die Führungskraft nimmt diese Gefühle ernst. Gleichzeitig erklärt sie offen, welche Entscheidungen bereits feststehen und wo noch Gestaltungsspielraum besteht. Gemeinsam mit dem Team werden Prioritäten überprüft und Zuständigkeiten geklärt. Außerdem vereinbaren die Mitarbeitenden, wie sie künftig frühzeitig über Schwierigkeiten sprechen möchten.

Nach einiger Zeit verbessert sich die Zusammenarbeit. Nicht, weil alle Sorgen verschwunden sind. Sondern weil die Mitarbeitenden erleben, dass ihre Perspektiven gehört werden und sie gemeinsam an Lösungen arbeiten können.

Die Stärke des Einfühlungsvermögens zeigt sich hier darin, dass die Führungskraft die emotionalen Auswirkungen der Veränderungen wahrgenommen hat. Und gleichzeitig ihre Führungsverantwortung wahrgenommen hat. Denn gute Führung bedeutet nicht, alle unangenehmen Gefühle zu verhindern. Sondern Menschen auch durch schwierige Situationen respektvoll und klar zu begleiten.


Woran erkennst du dieses Talent in den ersten fünf Minuten eines Gesprächs?

Fällt dir vielleicht auf, dass dein Gegenüber besonders aufmerksam auf emotionale Signale reagiert. Oder jemand bemerkt eine Veränderung in deiner Stimmung, obwohl du selbst noch gar nicht darüber gesprochen hast.

Typische Aussagen könnten sein:

  • „Ich hatte das Gefühl, dass sie etwas beschäftigt.“
  • „Ich kann gut nachvollziehen, warum er enttäuscht war.“
  • „Irgendwie war die Stimmung im Raum plötzlich anders.“
  • „Ich merke oft schnell, wenn es jemandem nicht gut geht.“
  • „Mir ist wichtig, wie sich die anderen dabei fühlen.“

Vielleicht erzählt jemand auch davon, wie er in einer schwierigen Situation die Gefühle anderer wahrgenommen hat. Doch nicht jeder freundliche oder verständnisvolle Mensch hat automatisch Einfühlungsvermögen unter seinen stärksten Gallup-Talenten. Vielleicht hat die Person aufgrund ihrer beruflichen Erfahrung gelernt, aufmerksam zuzuhören. Oder sie legt aus persönlichen Gründen großen Wert auf einen respektvollen Umgang.

Besonders interessant ist häufig, ob jemand emotionale Stimmungen spontan wahrnimmt und wie er mit diesen Wahrnehmungen umgeht. Solche Beobachtungen können Hinweise geben, ersetzen aber keine fundierte Talentanalyse.


Achtung, Verwechslungsgefahr!

Einfühlungsvermögen (Empathy) oder Harmoniestreben (Harmony)

Beide Talente können sich darin zeigen, dass Menschen aufmerksam mit anderen umgehen und schwierige Situationen sensibel gestalten. Aber die dahinterliegenden Beweggründe können unterschiedlich sein.

Menschen mit Einfühlungsvermögen nehmen häufig die Gefühle anderer besonders intensiv wahr. Sie können sich in emotionale Situationen hineinversetzen und erkennen, wie sich jemand möglicherweise fühlt.

Menschen mit Harmoniestreben möchten dagegen häufig Gemeinsamkeiten finden und unnötige Konflikte vermeiden. Sie suchen nach Möglichkeiten, unterschiedliche Meinungen miteinander zu vereinbaren. Ein Beispiel: In einer Teambesprechung kommt es zu einer angespannten Diskussion. Die Mitarbeiterin mit Einfühlungsvermögen bemerkt: „Ich habe den Eindruck, dass dich das gerade sehr enttäuscht.“ Der Kollege mit Harmoniestreben fragt: „Worauf können wir uns denn einigen?“

Beide Perspektiven können ausgesprochen wertvoll sein. Die eine richtet ihre Aufmerksamkeit besonders auf die Gefühle der Beteiligten. Die andere sucht nach einer gemeinsamen Grundlage. Merksatz: Einfühlungsvermögen nimmt Gefühle wahr. Harmoniestreben sucht nach Gemeinsamkeiten. Natürlich können beide Talente auch bei derselben Person stark ausgeprägt sein. Dann können sich emotionale Sensibilität und die Fähigkeit, gemeinsame Lösungen zu finden, besonders gut ergänzen.


Besonders wirkungsvoll im Zusammenspiel mit ...

Wie bei allen Gallup-Talenten wird es besonders spannend, wenn wir betrachten, wie Einfühlungsvermögen mit anderen Talenten zusammenspielt.

  • Einfühlungsvermögen + Einzelwahrnehmung (Individualization): Du nimmst die Gefühle anderer wahr und erkennst gleichzeitig, wie unterschiedlich Menschen sind. Diese Kombination kann besonders in persönlichen Gesprächen und in der Führung wertvoll sein.
  • Einfühlungsvermögen + Entwicklung (Developer): Du erkennst emotionale Bedürfnisse und hast Freude daran, andere Menschen bei ihrer persönlichen Entwicklung zu unterstützen.
  • Einfühlungsvermögen + Kommunikationsfähigkeit (Communication): Du kannst emotionale Stimmungen wahrnehmen und möglicherweise besonders gut in Worte fassen, was Menschen beschäftigt.
  • Einfühlungsvermögen + Verbundenheit (Relator): Du nimmst Gefühle anderer wahr und legst gleichzeitig großen Wert auf vertrauensvolle persönliche Beziehungen.
  • Einfühlungsvermögen + Autorität (Command): Eine besonders interessante Kombination. Du kannst wahrnehmen, wie es anderen Menschen geht, und gleichzeitig bereit sein, auch schwierige Themen klar und direkt anzusprechen.

Natürlich sind diese Beispiele keine festen Persönlichkeitstypen. Wie sich die Kombinationen tatsächlich zeigen, hängt immer vom gesamten Talentprofil, den Erfahrungen und der jeweiligen Situation ab.


Leadership-Merksatz

„Deine Superkraft liegt darin, die Gefühle anderer wahrzunehmen und Menschen das Gefühl zu geben, verstanden zu werden. Gute Führung bedeutet, empathisch zuzuhören, klar zu handeln und die Verantwortung für die Gefühle anderer nicht vollständig zu übernehmen.“

Porträt von Sandra Turner

Sandra Turner

Über die Autorin

Sandra Turner ist zertifizierte Gallup-Stärkencoachin, Leadership- und Teamcoach, Trainerin und Wirtschaftsmediatorin.

Sie begleitet Menschen dabei, ihre Talente zu entdecken, ihre persönliche Kombination zu verstehen und daraus echte Stärken zu entwickeln.