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#13 Einzelwahrnehmung (Individualization)

Du erkennst das Besondere in jedem Menschen.

Du weißt, wer bei welcher Aufgabe aufblüht

Einzelwahrnehmung (Individualization), Domäne: Beziehungsaufbau (Relationship Building)

Stell dir vor, du übernimmst die Führung eines neuen Teams. Acht Mitarbeitende. Acht unterschiedliche Persönlichkeiten. In den ersten Wochen lernst du alle kennen. Da ist die Kollegin, die in Besprechungen kaum etwas sagt, dir anschließend aber regelmäßig hervorragende Ideen schickt. Ein Mitarbeiter denkt gerne laut und entwickelt seine besten Lösungen im Gespräch. Eine andere Kollegin braucht klare Rahmenbedingungen, arbeitet innerhalb dieser Grenzen aber ausgesprochen selbstständig. Und dann gibt es jemanden, der bei neuen Aufgaben erst einmal vorsichtig reagiert, später jedoch häufig wichtige Risiken erkennt. Du findest diese Unterschiede spannend. Vielleicht denkst du sogar: „Wie interessant, dass Menschen so unterschiedlich arbeiten können.“ Während andere Führungskräfte zunächst überlegen, wie sie einheitliche Abläufe schaffen, beschäftigst du dich mit einer anderen Frage:

Wie kann ich jeden Menschen so einsetzen und unterstützen, dass seine besonderen Fähigkeiten zur Geltung kommen? Wenn Einzelwahrnehmung (Individualization) zu deinen stärksten Gallup-Talenten gehört, erkennst du dich darin vielleicht wieder. Menschen mit diesem Talent interessieren sich häufig besonders für die individuellen Eigenschaften anderer Menschen. Sie möchten verstehen, was jemanden einzigartig macht. Welche Fähigkeiten bringt die Person mit? Was motiviert sie? Wie arbeitet sie am liebsten? Und was braucht sie, um besonders gut zu sein? Dabei geht es nicht darum, Menschen möglichst schnell in bestimmte Kategorien einzuordnen. Ganz im Gegenteil. Menschen mit Einzelwahrnehmung interessieren sich häufig gerade für das, was jemanden von anderen unterscheidet. Denn sie wissen aus Erfahrung: Was für den einen wunderbar funktioniert, muss für den anderen noch lange nicht die beste Lösung sein


Das zeichnet dich aus

Du weißt, welche Kollegin gerne präsentiert und welcher Mitarbeiter lieber im Hintergrund arbeitet. Und wer besonders gute Ideen entwickelt, wenn er zunächst etwas Zeit zum Nachdenken bekommt. Vielleicht fällt dir auch auf, wenn jemand eine Fähigkeit besitzt, die bisher kaum genutzt wird.

Eine Kollegin arbeitet seit Jahren in der Buchhaltung. Sie erledigt ihre Aufgaben zuverlässig und gewissenhaft. Bei einer internen Veranstaltung bemerkst du plötzlich, wie souverän sie vor einer Gruppe spricht. Sie erklärt komplizierte Zusammenhänge verständlich, bringt die Zuhörer zum Lachen und wirkt dabei vollkommen natürlich. Du bist begeistert. „Sag mal, hast du eigentlich schon einmal darüber nachgedacht, interne Schulungen zu übernehmen?“ Die Kollegin schaut dich überrascht an. „Ich? Nein, überhaupt nicht.“ Vielleicht hat sie diese Fähigkeit selbst nie als etwas Besonderes wahrgenommen. Für sie ist es ganz selbstverständlich, Dinge gut erklären zu können. Du dagegen erkennst darin ein mögliches Talent. Genau das kann Einzelwahrnehmung auszeichnen. Du siehst häufig Eigenschaften und Fähigkeiten, die anderen Menschen gar nicht bewusst sind. Und du interessierst dich dafür, wie diese Besonderheiten sinnvoll eingesetzt werden können.


Die Superkraft

Du erkennst individuelle Talente und kannst Menschen helfen, ihre besonderen Fähigkeiten gezielt einzusetzen. Ein Unternehmen stellt ein Projektteam zusammen. Fünf Mitarbeitende sollen gemeinsam ein neues Kundenangebot entwickeln.

Die Projektleiterin mit ausgeprägter Einzelwahrnehmung kennt die Beteiligten bereits gut.

  • Sie weiß, dass ein Kollege hervorragend darin ist, komplexe Informationen zu analysieren.
  • Eine andere Mitarbeiterin entwickelt besonders gerne kreative Ideen.
  • Ein dritter Kollege hat ein gutes Gespür dafür, was Kunden tatsächlich brauchen.
  • Und eine weitere Kollegin kann unterschiedliche Aufgaben und Menschen besonders gut koordinieren.

Die Projektleiterin berücksichtigt diese Unterschiede bei der Aufgabenverteilung. Nicht jeder bekommt einfach denselben Anteil an der Arbeit. Stattdessen überlegt sie, wie die individuellen Fähigkeiten am besten zusammenwirken können. Das bedeutet nicht, dass jeder ausschließlich Aufgaben übernehmen darf, die ihm leichtfallen.

Natürlich gehören auch neue Herausforderungen und weniger beliebte Tätigkeiten zum Berufsalltag. Aber die Projektleiterin schafft Möglichkeiten, vorhandene Talente bewusst zu nutzen. Menschen mit diesem Talent können häufig erkennen, wie unterschiedlich Menschen sind und wie sich diese Unterschiede produktiv einsetzen lassen.


Typische Stärken

Menschen Menschen mit ausgeprägter Einzelwahrnehmung können häufig besonders gut:

  • Individuelle Eigenschaften und Fähigkeiten anderer erkennen
  • Unterschiede zwischen Menschen wertschätzen
  • Persönliche Bedürfnisse und Arbeitsweisen berücksichtigen
  • Talente entdecken, die anderen bisher kaum aufgefallen sind
  • Aufgaben passend zu individuellen Fähigkeiten verteilen
  • Unterschiedliche Menschen miteinander in Kontakt bringen
  • Persönliche Entwicklungswege unterstützen
  • Individuelle Motivation besser verstehen
  • Teams aus unterschiedlichen Stärken zusammenstellen

Besonders wertvoll kann dieses Talent in Situationen sein, in denen Menschen sehr unterschiedliche Fähigkeiten und Erfahrungen mitbringen. Denn erfolgreiche Zusammenarbeit entsteht nicht unbedingt dadurch, dass alle dasselbe können. Sondern häufig dadurch, dass unterschiedliche Menschen ihre jeweiligen Stärken einbringen.


Mögliche Schattenseiten

Du leitest ein Team und möchtest möglichst individuell auf deine Mitarbeitenden eingehen. Du weißt, dass eine Kollegin morgens besonders konzentriert arbeitet. Ein anderer Mitarbeiter braucht regelmäßigen Austausch. Und jemand Drittes möchte Aufgaben möglichst eigenständig erledigen. Also versuchst du, für jeden die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Das funktioniert zunächst wunderbar.

Doch irgendwann beschwert sich ein Mitarbeiter: „Warum darf sie eigentlich zwei Tage im Homeoffice arbeiten und ich nur einen?“ Du erklärst, dass ihr unterschiedliche Aufgaben habt und deshalb unterschiedliche Lösungen sinnvoll sind. Der Mitarbeiter ist trotzdem unzufrieden. „Ich finde, wir sollten alle gleich behandelt werden.“

Menschen mit Einzelwahrnehmung können häufig gut nachvollziehen, warum unterschiedliche Menschen unterschiedliche Unterstützung benötigen. Aber nicht jeder empfindet individuelle Lösungen automatisch als gerecht. Die mögliche Schattenseite liegt deshalb darin, Unterschiede so stark zu berücksichtigen, dass gemeinsame Regeln und Erwartungen zu wenig Beachtung finden. Vielleicht entwickelst du für jeden Menschen eine individuelle Lösung.

Doch irgendwann wird es schwierig, den Überblick zu behalten. Oder andere haben das Gefühl, dass bestimmte Personen bevorzugt werden.

Eine weitere Herausforderung kann darin liegen, Menschen zu schnell auf bestimmte Eigenschaften festzulegen. Vielleicht weißt du, dass ein Kollege besonders gut analysieren kann. Also gibst du ihm immer wieder analytische Aufgaben. Dabei möchte er sich vielleicht längst in einem ganz anderen Bereich weiterentwickeln.

Deshalb ist es wichtig, individuelle Stärken zu erkennen, ohne Menschen darauf zu reduzieren. Denn jeder Mensch verändert sich. Und manchmal entdecken wir Fähigkeiten erst dann, wenn wir etwas Neues ausprobieren dürfen.


Führung mit diesem Talent

Als Führungskraft mit Einzelwahrnehmung kannst du besonders gut darin sein, deine Mitarbeitenden als unterschiedliche Persönlichkeiten wahrzunehmen. Du möchtest verstehen, was jeden Einzelnen auszeichnet. Vielleicht führst du deshalb sehr individuelle Mitarbeitergespräche. Du interessierst dich dafür, welche Aufgaben jemand besonders gerne übernimmt, welche Fähigkeiten er weiterentwickeln möchte und unter welchen Bedingungen er besonders gut arbeitet. Das kann für dein Team ausgesprochen wertvoll sein.

Denn Menschen möchten häufig nicht nur als Stelleninhaber wahrgenommen werden. Sie möchten erleben, dass ihre persönlichen Fähigkeiten und Beiträge gesehen werden. Allerdings gibt es eine wichtige Herausforderung. Individuell führen bedeutet nicht, beliebig führen. Du kannst unterschiedliche Menschen unterschiedlich unterstützen. Aber die grundlegenden Regeln und Erwartungen sollten für alle nachvollziehbar sein.

Eine Mitarbeiterin arbeitet besonders gerne selbstständig. Du gibst ihr deshalb viel Freiraum. Ein anderer Mitarbeiter braucht regelmäßige Abstimmungen. Also vereinbarst du mit ihm kurze wöchentliche Gespräche. Beide erhalten unterschiedliche Unterstützung. Aber beide sind für ihre Ergebnisse verantwortlich. Nicht alle Menschen brauchen dasselbe. Aber alle brauchen Klarheit, Respekt und faire Rahmenbedingungen.


Mitarbeitende mit diesem Talent führen

Wenn du eine Mitarbeiterin mit ausgeprägter Einzelwahrnehmung hast, kann sie besonders gut darin sein, die individuellen Fähigkeiten ihrer Kollegen zu erkennen. Vielleicht fällt ihr auf, dass jemand in einem bestimmten Bereich besonders talentiert ist. Oder sie erkennt, welche Menschen bei einem Projekt gut zusammenarbeiten könnten. Das kann für dein Team eine große Bereicherung sein.

Vielleicht kannst du sie in die Zusammenstellung von Projektteams einbeziehen. Oder ihr Aufgaben übertragen, bei denen es wichtig ist, unterschiedliche Menschen und ihre Fähigkeiten zu berücksichtigen. Auch im Kundenkontakt kann Einzelwahrnehmung wertvoll sein. Denn Menschen mit diesem Talent können häufig gut erkennen, dass unterschiedliche Kunden unterschiedliche Erwartungen und Bedürfnisse haben. Wichtig ist allerdings, dass du deiner Mitarbeiterin genügend Raum gibst, ihre Beobachtungen einzubringen. Vielleicht hat sie eine Idee, wie sich Aufgaben besser verteilen lassen oder sie erkennt Entwicklungsmöglichkeiten bei einem Kollegen. Höre dir diese Perspektiven an. Aber achte gleichzeitig darauf, dass individuelle Einschätzungen nicht automatisch zu festen Zuschreibungen werden. Denn auch Menschen mit Einzelwahrnehmung können sich irren. Deshalb sollten persönliche Beobachtungen immer wieder durch Gespräche und konkrete Erfahrungen überprüft werden.


Zusammenarbeit im Team

Ein Team soll eine wichtige Präsentation für einen neuen Kunden vorbereiten. Die Aufgaben werden zunächst ganz klassisch verteilt. Jeder übernimmt einen Teil der Präsentation. Doch schon nach kurzer Zeit zeigt sich, dass die Zusammenarbeit nicht besonders gut funktioniert. Ein Mitarbeiter ist hervorragend darin, Inhalte zu recherchieren, fühlt sich aber beim Präsentieren unwohl. Eine Kollegin entwickelt wunderbare Ideen, verliert sich jedoch manchmal in Details. Und ein anderer Kollege kann komplizierte Zusammenhänge hervorragend erklären, hat aber wenig Freude an der Gestaltung von Folien.

Eine Mitarbeiterin mit ausgeprägter Einzelwahrnehmung schlägt vor, die Aufgaben anders zu verteilen. Warum sollte jeder alles machen müssen? Vielleicht könnte der analytische Kollege die Inhalte recherchieren, die kreative Kollegin entwickelt den roten Faden und der kommunikationsstarke Mitarbeiter übernimmt einen größeren Teil der Präsentation. Natürlich müssen alle Beteiligten mit dieser Aufteilung einverstanden sein. Aber plötzlich funktioniert die Zusammenarbeit deutlich besser, weil die individuellen Fähigkeiten berücksichtigt werden.

Genau darin liegt eine besondere Stärke der Einzelwahrnehmung. Menschen mit diesem Talent können helfen, aus unterschiedlichen Persönlichkeiten ein Team zu machen, in dem jeder einen passenden Beitrag leisten kann.


Kommunikation

Menschen mit Einzelwahrnehmung passen ihre Kommunikation häufig an unterschiedliche Gesprächspartner an. Vielleicht merkst du schnell, dass eine Kollegin ausführliche Informationen braucht, bevor sie eine Entscheidung treffen kann. Ein anderer Mitarbeiter möchte lieber eine kurze Zusammenfassung. Und jemand Drittes entwickelt seine Gedanken am besten im persönlichen Gespräch. Du findest es selbstverständlich, darauf einzugehen. Denn warum solltest du mit allen Menschen exakt gleich kommunizieren, wenn sie doch so unterschiedlich sind? Gerade in der Führung.

Allerdings solltest du darauf achten, dass unterschiedliche Kommunikation nicht zu unterschiedlichen Informationen führt. Vielleicht erklärst du einem Mitarbeiter eine Entscheidung ausführlich. Einem anderen gibst du nur die wichtigsten Eckpunkte. Beides kann sinnvoll sein. Aber die grundlegenden Informationen sollten für alle verfügbar sein. Denn individuell kommunizieren bedeutet nicht, wichtige Informationen unterschiedlich zu verteilen. Es bedeutet, sie so zu vermitteln, dass unterschiedliche Menschen sie gut verstehen und damit arbeiten können.


Typische Missverständnisse

„Du behandelst nicht alle gleich.“

Das stimmt möglicherweise sogar. Aber unterschiedliche Unterstützung bedeutet nicht automatisch Ungerechtigkeit. Entscheidend ist, dass die zugrunde liegenden Regeln und Entscheidungen fair und nachvollziehbar sind.


„Du analysierst ständig andere Menschen.“

Menschen mit Einzelwahrnehmung interessieren sich häufig besonders für individuelle Eigenschaften. Das bedeutet nicht, dass sie andere Menschen ständig bewerten möchten. Vielleicht sind sie einfach neugierig darauf, was jemanden einzigartig macht.


„Du hast für jeden eine Sonderlösung.“

Individuelle Lösungen können sinnvoll sein. Aber auch Menschen mit Einzelwahrnehmung brauchen gemeinsame Regeln und klare Rahmenbedingungen.


„Du weißt immer, was andere brauchen.“

Nein. Auch Menschen mit ausgeprägter Einzelwahrnehmung können sich irren. Deshalb ist es wichtig, persönliche Beobachtungen durch Gespräche zu überprüfen.


„Du möchtest alle Menschen individuell fördern.“

Einzelwahrnehmung kann helfen, individuelle Talente zu erkennen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass jemand auch große Freude daran hat, andere langfristig bei ihrer Entwicklung zu begleiten. Hier kann beispielsweise das Gallup-Talent Entwicklung (Developer) eine zusätzliche Rolle spielen.


Stressauslöser

Menschen mit ausgeprägter Einzelwahrnehmung können besonders unter Druck geraten, wenn individuelle Unterschiede grundsätzlich ignoriert werden.

Mögliche Stressauslöser sind:

  • Starre Regeln, die keinen Raum für individuelle Bedürfnisse lassen
  • Einheitliche Lösungen, obwohl Menschen unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen
  • Aufgabenverteilungen, bei denen persönliche Fähigkeiten kaum berücksichtigt werden
  • Führungskräfte, die alle Mitarbeitenden nach demselben Muster behandeln
  • Fehlende Möglichkeiten, individuelle Talente einzubringen
  • Situationen, in denen Menschen auf bestimmte Kategorien reduziert werden
  • Wenig Interesse an persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten
  • Ein Arbeitsumfeld, in dem individuelle Beiträge kaum wahrgenommen werden.

Besonders frustrierend kann es sein, wenn Menschen ausschließlich anhand ihrer Funktion oder Stellenbeschreibung betrachtet werden. Denn Menschen mit Einzelwahrnehmung erkennen häufig, dass hinter jeder Rolle eine individuelle Persönlichkeit mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten steckt. Gleichzeitig ist es wichtig zu akzeptieren, dass nicht jede persönliche Vorliebe im Arbeitsalltag berücksichtigt werden kann. Manchmal braucht es gemeinsame Standards. Und manchmal müssen individuelle Wünsche hinter übergeordneten Anforderungen zurückstehen.


So führst du jemanden mit diesem Talent

Bitte deinen Mitarbeiter bei der nächsten Aufgabenverteilung um konkrete Beobachtungen: „Woran hast du erkannt, dass ihr diese Aufgabe liegt?“ Lass daraus einen Vorschlag entstehen und besprecht ihn anschließend mit der betroffenen Person. Vereinbart eine befristete Erprobung, statt eine dauerhafte Rolle zuzuschreiben.

Wenn individuelle Wünsche kollidieren, lege die gemeinsamen Kriterien offen, etwa Kundenbedarf, Arbeitsbelastung und Lernmöglichkeiten. Frage auch deinen Mitarbeiter selbst, welche Aufgaben ihm entsprechen. Seine Fähigkeit, andere differenziert zu sehen, ist kein Grund, seine eigenen Wünsche als selbstverständlich bekannt vorauszusetzen.


Reflexionsübung

Beobachtung statt Etikett

Sbung: Was macht die Menschen in deinem Team einzigartig?
Denke an drei Menschen, mit denen du regelmäßig zusammenarbeitest. Vielleicht sind es Kollegen, Mitarbeitende oder Projektpartner. Nimm dir für jede Person ein paar Minuten Zeit.

1. Welche besonderen Fähigkeiten fallen dir bei dieser Person auf?
Vielleicht kann sie gut zuhören, komplexe Zusammenhänge erklären oder kreative Lösungen entwickeln.

2. Wann zeigt die Person diese Fähigkeiten besonders deutlich?
Denke an konkrete Situationen aus eurem Arbeitsalltag.

3. Welche Aufgaben könnten besonders gut zu diesen Fähigkeiten passen?
Vielleicht gibt es Möglichkeiten, die bisher kaum genutzt werden.

4. Welche Annahmen habe ich möglicherweise über diese Person getroffen?
Vielleicht gehst du davon aus, dass jemand bestimmte Aufgaben besonders gerne übernimmt, obwohl du nie danach gefragt hast.

5. Was könnte ich die Person selbst fragen?

Vielleicht möchtest du herausfinden, welche Fähigkeiten sie gerne weiterentwickeln würde.
Die Idee hinter dieser Übung ist nicht, Menschen möglichst schnell in bestimmte Kategorien einzuordnen. Sondern genauer hinzuschauen. Denn manchmal entdecken wir die größten Talente genau dort, wo wir bisher gar nicht gesucht haben.


Praxisbeispiel

Ein Beispiel aus dem Berufsalltag: eine erfahrene Führungskraft übernimmt ein Team mit zwölf Mitarbeitenden. Die Zusammenarbeit funktioniert grundsätzlich gut. Trotzdem hat sie den Eindruck, dass einige Kollegen ihre Fähigkeiten noch nicht vollständig einbringen können. In den ersten Wochen führt sie persönliche Gespräche. Dabei interessiert sie sich nicht nur für die aktuellen Aufgaben, sondern auch dafür, was den Mitarbeitenden besonders leichtfällt. Welche Tätigkeiten ihnen Freude machen und welche Fähigkeiten sie gerne stärker einsetzen würden.

Bei einer Mitarbeiterin stellt sich heraus, dass sie besonders gerne komplexe Themen verständlich erklärt. Bisher arbeitet sie überwiegend an administrativen Aufgaben. Ein anderer Kollege erzählt, dass er Freude daran hat, neue Abläufe zu entwickeln. Seine aktuelle Tätigkeit bietet dafür jedoch wenig Raum. Und eine dritte Mitarbeiterin würde gerne mehr Verantwortung für Kundenprojekte übernehmen.

Die Führungskraft überlegt gemeinsam mit dem Team, wie sich diese Fähigkeiten besser nutzen lassen. Die erste Mitarbeiterin übernimmt künftig einen Teil der internen Schulungen. Der zweite Kollege beteiligt sich an einem Projekt zur Prozessverbesserung. Und die dritte Mitarbeiterin bekommt die Möglichkeit, schrittweise mehr Verantwortung im Kundenkontakt zu übernehmen.

Natürlich können nicht alle Wünsche sofort erfüllt werden. Und die bestehenden Aufgaben müssen weiterhin erledigt werden. Aber die Mitarbeitenden erleben, dass ihre individuellen Fähigkeiten wahrgenommen werden. Nach einiger Zeit zeigt sich, dass mehrere Kollegen mit größerer Begeisterung an ihren Aufgaben arbeiten.

Die Führungskraft hat nicht einfach nur neue Aufgaben verteilt. Sie hat genauer hingeschaut. Und Möglichkeiten geschaffen, vorhandene Talente bewusster einzusetzen. Genau darin kann die Stärke der Einzelwahrnehmung liegen.


Woran erkennst du dieses Talent in den ersten fünf

Minuten eines Gesprächs?

Vielleicht fällt dir auf, dass dein Gegenüber besonders aufmerksam über die individuellen Eigenschaften anderer Menschen spricht oder jemand erzählt begeistert davon, wie unterschiedlich Menschen arbeiten und denken.

Typische Aussagen könnten sein:

  • „Das kommt ganz auf die Person an.“
  • „Bei ihr funktioniert das wunderbar, aber bei ihm würde ich es anders machen.“
  • „Ich finde es spannend, wie unterschiedlich Menschen sind.“
  • „Jeder hat doch seine ganz eigenen Stärken.“
  • „Man muss einfach herausfinden, was zu jemandem passt.“

Vielleicht bemerkst du auch, dass die Person sehr konkrete Beobachtungen über unterschiedliche Menschen macht. Sie beschreibt nicht nur, was jemand tut, sondern auch, welche besonderen Fähigkeiten dahinterstecken könnten. Doch nicht jeder Mensch, der sich für andere interessiert, hat automatisch Einzelwahrnehmung unter seinen stärksten Gallup-Talenten. Vielleicht hat die Person aufgrund ihrer beruflichen Erfahrung gelernt, unterschiedliche Persönlichkeiten zu berücksichtigen oder sie beschäftigt sich aus persönlichem Interesse intensiv mit Menschen. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuhören. Besonders interessant ist häufig, ob jemand ganz natürlich auf individuelle Unterschiede achtet und Freude daran hat, die Besonderheiten anderer Menschen zu entdecken. Solche Beobachtungen können Hinweise geben, ersetzen aber keine fundierte Talentanalyse.


Achtung, Verwechslungsgefahr!

Einzelwahrnehmung (Individualization) oder Entwicklung (Developer)

Beide Talente können sich darin zeigen, dass Menschen großes Interesse an anderen Menschen und ihren Fähigkeiten haben. Aber die dahinterliegenden Beweggründe können unterschiedlich sein.

Menschen mit Einzelwahrnehmung interessieren sich häufig besonders dafür, was jemanden einzigartig macht. Sie erkennen individuelle Eigenschaften und überlegen, wie diese sinnvoll eingesetzt werden können.

Menschen mit Entwicklung haben dagegen häufig besondere Freude daran, das Potenzial anderer Menschen zu erkennen und ihre Fortschritte zu begleiten.

Ein Beispiel: Eine Führungskraft beobachtet, dass eine Mitarbeiterin in Kundengesprächen besonders souverän auftritt. Die Kollegin mit Einzelwahrnehmung sagt: „Sie hat wirklich ein besonderes Gespür für Kunden. Wir sollten überlegen, wie wir diese Fähigkeit stärker einsetzen können.“ Der Kollege mit Entwicklung sagt: „Sie hat sich in den letzten Monaten unglaublich verbessert. Ich würde sie gerne dabei unterstützen, sich noch weiterzuentwickeln.“

Beide Perspektiven können ausgesprochen wertvoll sein. Die eine erkennt die individuelle Besonderheit. Die andere freut sich besonders über Entwicklung und Fortschritt.

Merksatz: Einzelwahrnehmung erkennt, was Menschen einzigartig macht. Entwicklung erkennt und fördert ihre Fortschritte. Natürlich können beide Talente auch bei derselben Person stark ausgeprägt sein. Dann können sich die Fähigkeit, individuelle Talente zu erkennen, und die Freude daran, Menschen bei ihrer Entwicklung zu begleiten, besonders gut ergänzen.


Besonders wirkungsvoll im Zusammenspiel mit …

Wie bei allen Gallup-Talenten wird es besonders spannend, wenn wir betrachten, wie Einzelwahrnehmung mit anderen Talenten zusammenspielt.

  • Einzelwahrnehmung + Entwicklung (Developer): Du erkennst individuelle Fähigkeiten und hast Freude daran, Menschen bei ihrer persönlichen Entwicklung zu begleiten. Diese Kombination kann besonders in der Führung, im Coaching und in der Personalentwicklung wertvoll sein.
  • Einzelwahrnehmung + Höchstleistung (Maximizer): Du erkennst, was Menschen besonders gut können, und möchtest ihre vorhandenen Talente gezielt weiterentwickeln.
  • Einzelwahrnehmung + Einfühlungsvermögen (Empathy): Du nimmst individuelle Unterschiede wahr und kannst gleichzeitig erkennen, wie sich Menschen in bestimmten Situationen möglicherweise fühlen.
  • Einzelwahrnehmung + Arrangeur (Arranger): Du erkennst die besonderen Fähigkeiten unterschiedlicher Menschen und kannst sie flexibel miteinander kombinieren. Diese Kombination kann besonders bei der Zusammenstellung und Organisation von Teams interessant sein.
  • Einzelwahrnehmung + Kommunikationsfähigkeit (Communication): Du erkennst, wie unterschiedlich Menschen sind, und kannst deine Kommunikation möglicherweise besonders gut auf verschiedene Gesprächspartner abstimmen.

Natürlich sind diese Beispiele keine festen Persönlichkeitstypen. Wie sich die Kombinationen tatsächlich zeigen, hängt immer vom gesamten Talentprofil, den Erfahrungen und der jeweiligen Situation ab.


Leadership-Merksatz

„Wer Menschen gerecht werden will, muss ihre Unterschiede kennen und seine Annahmen immer wieder überprüfen.“

Porträt von Sandra Turner

Sandra Turner

Über die Autorin

Sandra Turner ist zertifizierte Gallup-Stärkencoachin, Leadership- und Teamcoach, Trainerin und Wirtschaftsmediatorin.

Sie begleitet Menschen dabei, ihre Talente zu entdecken, ihre persönliche Kombination zu verstehen und daraus echte Stärken zu entwickeln.